ERP Juni 2026·8 Min. Lesezeit

ERP: Wer darf Einträge tätigen?

Schlechte Stammdaten entstehen nicht durch technisches Versagen — sie entstehen, weil die falschen Menschen Zugang zum System haben und niemand einen kontrollierten Prozess sichergestellt hat.

Es klingt wie eine banale Zuständigkeitsfrage: Wer darf im ERP Artikel anlegen, Stücklisten erfassen, Preise hinterlegen? In der Praxis ist es eine der folgenreichsten Entscheidungen im Betrieb. Denn was einmal falsch eingetragen ist, zieht sich durch das gesamte System — in Bestellungen, Rechnungen, Lieferungen, Kunden-E-Mails.

Was passiert, wenn jeder darf

Aus der Praxis

In einem MedTech-Unternehmen mit flacher Hierarchie wurde der ERP-Zugang für Stammdaten nicht geregelt. Das Ergebnis: doppelte Artikelnummern für dasselbe Produkt (verschiedene Eingabepersonen, niemand hat vorher nachgeschaut), Produktbeschreibungen, die nicht mit der technischen Dokumentation übereinstimmen, Stücklisten mit fehlenden Komponenten. Wenn dann ein Produkt nicht mehr hergestellt wird, gibt es keinen Prozess der die Daten archiviert oder als veraltet markiert — sie bleiben aktiv, werden weiter bestellt, kommen als falsches Produkt beim Kunden an.

Das ist kein Einzelfall. Es ist das vorhersehbare Ergebnis von unkontrolliertem Zugang zu einem System das Präzision als Grundvoraussetzung hat.

Warum Datenpflege Fachkompetenz ist

Ein ERP-Eintrag ist kein Formular das man ausfüllt. Ein Artikeldatensatz enthält:

Wer einen Eintrag anlegt, muss das Produkt, den Prozess und die Systemlogik verstehen. Es braucht keine IT-Ausbildung — aber es braucht jemanden, der die Reichweite von Fehlern versteht.

Qualifikationen: Wer sollte Zugang haben?

Muss wissen

  • Produktkenntnisse (was das Produkt ist, wofür es eingesetzt wird)
  • Grundlagen der Produktklassifikation
  • Stücklistenlogik (was gehört zu was)
  • Relevante Einheiten und Verpackungslogik
  • Wie Daten in Bestellungen, Lieferscheinen, Rechnungen weitergeführt werden

Muss können

  • Prüfen ob Artikel bereits existiert (Duplikate verhindern)
  • Fehlende oder widersprüchliche Angaben erkennen
  • Mit Fachabteilungen (QM, Einkauf, Logistik) abstimmen
  • Dokumentation verstehen und auswerten
  • Konsequenzen eines Fehlers im Downstream beschreiben
„Nicht jeder Hans und Franz gehört ins System. ERP-Zugang ist kein Benefit — er ist Verantwortung."

Der richtige Prozess: Schritt für Schritt

PM
Produktmanager definiert den Artikel

Produktbeschreibung, technische Spezifikation, Einsatzgebiet, Klassifikation. Dies ist der Ausgangspunkt — ohne vollständige Definition geht nichts weiter.

Check
Querschnitts-Check mit QM / Logistik / Einkauf

Qualitätsmanagement prüft Zulassungsrelevanz und Dokumentationspflichten. Logistik prüft Lageranforderungen, Verpackung, Gewicht. Einkauf prüft Lieferantenverknüpfung und Einkaufskonditionen.

Eingabe
PM oder Einkauf trägt Daten ein

Nur die Personen die am Querschnitts-Check beteiligt waren und das Produkt kennen. Der Eintrag bleibt zunächst inaktiv / gesperrt.

IT
IT prüft technische Korrektheit im System

Keine inhaltliche Prüfung — aber Datenbankintegrität, Zuordnung zu richtigen Tabellen, keine technischen Fehler oder Duplikate.

Review
Alle Beteiligten schauen nochmals drüber

Vier-Augen-Prinzip: PM, Einkauf (oder Logistik) bestätigen schriftlich (E-Mail, Ticket) dass der Datensatz korrekt und vollständig ist.

Live
PM oder Einkauf setzt Artikel live

Erst jetzt ist der Artikel bestellbar, planbar, lieferbar. Ab diesem Moment gilt er als verbindlicher Datensatz.

Der Point of No Return

Ab dem Moment des ersten echten Einsatzes gibt es kein einfaches Zurück mehr

Sobald ein Artikel in einer Bestellung, einem Lieferschein oder einer Rechnung verwendet wurde, ist er im System verankert. Fehlerkorrekturen sind dann keine einfachen Edits mehr — sie brauchen Stornierungen, Korrekturbuchungen, Benachrichtigungen, manchmal Behördenmeldungen (in Regulated Industries). Das ist der Grund warum die Qualitätsprüfung VOR dem Livegang stattfinden muss.

Erst in Bestellung verwendet?Alle offenen Bestellungen müssen überprüft und ggf. korrigiert werden. Einkauf muss benachrichtigt werden.
Erst in Rechnung verwendet?Rechnungskorrektur nötig. Buchhaltung und ggf. Steuer involviert.
Erst in Stückliste verwendet?Alle Produkte die diese Stückliste nutzen müssen auf falsche Komponenten geprüft werden.
In Regulatory-Dokumenten?Formale Änderungsmeldung an Behörde je nach Zulassungsklasse (MDR, FDA). Nicht delegierbar.

Die häufigsten Fehler in der Praxis

FehlerUrsacheFolge
Doppelte Artikelnummern Zwei Personen legen dasselbe Produkt unabhängig voneinander an, niemand prüft vorher Falsche Lagermengen, Bestellungen auf falschen Artikel, Inventarungenauigkeiten
Beschreibung passt nicht zur Technik Einkauf trägt ein was der Lieferant schreibt, ohne mit PM abzugleichen Kunde erhält falsches Produkt oder stellt falsche Verwendung in Betrieb
Fehlende Stücklistenkomponenten Stückliste wird während Produktentwicklung nicht aktuell gehalten Produktion kann nicht vollständig fertigen, Lieferung unvollständig
Veraltete Artikel bleiben aktiv Kein Prozess für Deaktivierung von EOL-Produkten (End of Life) Bestellungen auf nicht mehr lieferbares Produkt, Lieferverzug
Falsche Einheiten Einheit wird angenommen statt nachgefragt (Stück vs. Karton vs. Palette) Über- oder Unterbestellung, Lieferant versteht Menge anders als Einkauf

Wer sollte keinen Schreibzugang bekommen

Lesezugang ist unkritisch und kann breiter vergeben werden. Schreibzugang ist ein Privileg das an Kompetenz und Prozesstreue geknüpft sein muss.

Das Kernprinzip

ERP-Daten sind das Gedächtnis des Unternehmens. Schlechte Daten kosten nicht einmalig — sie kosten jeden Tag, in jeder Bestellung, in jedem Lieferschein, in jedem Kundengespräch. Der Aufwand für einen sauberen Prozess ist einmalig. Der Schaden durch schlechten Prozess ist dauerhaft.

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Ich helfe Ihnen Datenprozesse, Zugriffsrechte und Verantwortlichkeiten so aufzusetzen, dass Fehler systemisch verhindert werden.

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