Die ERP-Entscheidung ist eine der folgenreichsten Technologieentscheidungen eines Unternehmens — weil sie so schwer rückgängig zu machen ist. Wer ein ERP eingeführt hat, Daten eingepflegt, Prozesse angepasst und Mitarbeitende geschult hat, wechselt nicht mehr leichtfertig. Die Auswahl am Anfang ist deshalb entscheidend. Und sie wird zu oft von Beratern getrieben die ein bestimmtes System bevorzugen, oder von IT-Präferenzen statt Geschäftsanforderungen.
Die Systemlandschaft — was es gibt und für wen
| System | Zielgröße | Stärken | Schwächen | Richtig, wenn... |
|---|---|---|---|---|
| SAP S/4HANA | Ab 500 MA / Konzern | Vollständig, tiefe Branchenfunktionen, globale Skalierbarkeit | Sehr teuer, lange Implementierung, hohe Komplexität | Globaler Konzern, komplexe Lieferkette, Regulierung |
| Microsoft Dynamics 365 | 50–2000 MA | Office-Integration, Cloud-nativ, Usability | Modul-Wildwuchs, Lizenzkosten steigen schnell | M365-Umgebung bereits vorhanden, CRM-Fokus |
| Odoo | 5–200 MA | Günstig, Open Source, all-in-one | Enterprise-Features limitiert, viele Drittmodule nötig | KMU, niedrigem Budget, Start-up-Umgebung |
| Sage 100/200/X3 | 50–500 MA | Stärken im Rechnungswesen + Produktion DACH | Weniger modern, kleineres Partner-Ökosystem | Schweizer/österreichisches KMU, Fokus Finanzen |
| Abacus (CH) | 10–300 MA | Schweizer Rechtsnormen, Lohn, Fibu, Zuverlässigkeit | Kein globales System, begrenzte Branchenmodule | Schweizer Unternehmen mit CH-Compliance-Fokus |
| Infor / IFS | Ab 100 MA, Industrie | Branchenspezifisch (MedTech, Aerospace, Service) | Weniger bekannt, kleineres Berater-Netzwerk | MedTech, Fertigung, Field Service Management |
Die 6 Entscheidungskriterien — bevor der Anbieter kontaktiert wird
Unternehmensgröße & Wachstumsplan
Ein System, das heute passt, muss auch in 3 Jahren tragen. Wer stark wächst oder internationalisiert, braucht Skalierbarkeit ab Tag 1.
Branchenspezifische Anforderungen
MedTech braucht UDI/MDR. Fertigung braucht MRP. Dienstleister braucht PSA. Generik-ERPs kosten mehr Anpassung als Branchenlösungen.
Integrations-Landschaft
Was muss mit dem ERP kommunizieren? Webshop, CRM, WMS, Produktionssystem? APIs und Konnektoren sind entscheidend.
Interne IT-Ressourcen
Wie viel interne Kapazität für Administration, Updates und Weiterentwicklung? Cloud-ERP reduziert IT-Last, erhöht aber laufende Kosten.
Total Cost of Ownership (5 Jahre)
Lizenz + Implementierung + Customizing + Wartung + Schulung + Updates. Das erste Angebot ist selten die Gesamtkosten.
Berater-Netzwerk in der Region
Das beste ERP ist wertlos ohne lokale Implementierungspartner. Wer in der Schweiz oder DACH ist, braucht lokale Expertise.
„Das richtige ERP ist nicht das technisch überlegenste — es ist dasjenige, das die eigenen Prozesse am besten abbildet, ohne drei Jahre Anpassungsprojekt zu erfordern."
Die häufigsten Auswahlsfehler
- "Wir nehmen was der Berater empfiehlt": Berater haben oft Zertifizierungen und Incentives für bestimmte Systeme. Eigene Anforderungsliste ist Pflicht
- Demos für Standardszenarien: Anbieter zeigen was ihr System gut kann. Lassen Sie Demo-Szenarien Ihre eigenen Prozesse abbilden — mit Ihren Daten
- Günstigstes Angebot gewinnt: TCO über 5 Jahre berechnen, nicht nur Lizenzkosten. Das billigste System kann das teuerste sein
- Zu viel Customizing eingeplant: Jede Anpassung erhöht Kosten, verlängert Updates und schafft Abhängigkeit. Besser: Prozesse an Standard anpassen als Standard an Prozesse
Ein ERP wählt man nicht nach Markenname — man wählt es nach Prozessen, Ressourcen und Wachstumsplan. Wer den internen Anforderungskatalog vor dem ersten Anbieter-Gespräch fertig hat, behält die Verhandlungsführung. Wer ohne Anforderungen in Demos geht, wird vom Verkäufer geführt.